Was ist Fotografie

Anderes
03.07.2012

Es mag ja irgendwo anmaßend klingen, dass ich als “kleiner Amateurfotograf” die Grundsätze der Fotografie abstecken zu versuche, dennoch möchte ich hier auf meinem Blog ein kleines Essay darüber schreiben.

Vorweg: Natürlich ist das hier geschriebene nur meine ganz persönliche Meinung und es soll sich bitte niemand beleidigt fühlen.

DSLR als Lifestyle
Seit dem auch digitale Spiegelreflex-Kameras in Preisregionen vorgedrungen sind, die sich auch die Mittelschicht leisten kann und will, ohne ernsthafte Ambitionen zu besitzen, wirklich in die Fotografie einzusteigen, explodiert der Markt förmlich. Viele kaufen sich eine DSLR weil es “cool” ist oder weil “sie bessere Bilder machen”. Und nicht wenige halten sich dann gleich für einen guten “Fotografen”.
Erst kürzlich fragte mich eine Bekannte, ob sie sich nicht eine Spiegelreflexkamera kaufen sollte. Meine erste Frage des mehr oder weniger kurzen Beratungsgesprächs war: “Möchtest Du fotografieren oder möchtest du Bilder machen?”
Sie wollte letzteres, so empfahl ich ihr eine gute Kompaktkamera bzw. eine (micro)FourThirds.
Viele DSLRs sind nämlich nicht wirklich dafür ausgelegt, im Automatikmodus benutzt zu werden. Gerade durch die Wechselobjektive und den großen Sensor und damit verbundene geringe Schärfentiefe gibt es sehr viele Gestaltungsmöglichkeiten, die eine Automatik einfach nicht übernehmen kann. Woher soll die Kamera wissen, was der Benutzer möchte?
Natürlich ist es irgendwo “cool”, mit einer großen Kamera herumzulaufen. Ich selbst wurde manchmal schon mit den Worten angesprochen: “Du bist sicherlich ein Profi, bei dieser tollen Kamera...”, und das wird sicherlich auch vielen anderen so gehen, aber das stimmt in heutiger Zeit fast genauso wenig wie: “Du bist sicherlich Rennfahrer, bei diesem tollen Auto...”


Die bewusste Fotografie/das Handwerk
Für mich zeichnet sich die bewusste, bzw. künstlerische Fotografie vor allem durch eins aus: Langsamkeit.
Für mich “richtige” Fotografie basiert auf der bewussten Entscheidung ein Foto zu machen oder nicht zu machen. Ich möchte bestimmen, welche Blende und damit verbundene Schärfentiefe und welche Verschlusszeit das Bild besitzt und ich möchte den Schärfepunkt bestimmen können.
Und ich möchte das alles VOR der Aufnahme.
Damit möchte ich aber nicht sagen, dass ein Schnappschuss keine Kunst sein kann, ich selbst habe mindestens duzende Bilder in meiner Lightroom-Bibliothek, doch für mich ist das bewusste Komponieren die wahre Kunst bzw. das Handwerk, was Fotografie ausmacht.
Bei dem analogen Film muss man sich zwangsläufig vor der Aufnahme viele Gedanken zu jedem Bild machen. Man kann nicht schnell auf dem Kameramonitor schauen (auch wenn ich mich immer wieder dabei ertappe, genau das zu versuchen), es bei Nichtgefallen löschen und dann ein neues Bild schießen. Filme waren und sind auch heute noch teuer und jeder Film hat meistens um die 24 bis 36 Aufnahmen.
Ganz im Gegensatz dazu stehen viele neue Entwicklungen einiger Kamerahersteller:
Zum Beispiel ermöglicht die Lytro Lichtfeldkamera es, erst ein Bild aufzunehmen und dann nachher am PC den Schärfepunkt zu setzen.
Ein paar andere Kameras besitzen Aufnahmemodi in denen Bilder gemacht werden, noch bevor der Auslöser gedrückt wird. So kann man selbst nach dem Ereignis ebendieses noch speichern.

Heute kann mit diversen Automatiken nahezu jeder mit Hilfe einer Digitalkamera, eines Handys, ja sogar mit einem bekannten MP3-Player (der witziger weise keine MP3s wiedergibt) qualitativ bessere Aufnahmen - ich sage bewusst “Aufnahmen”, nicht “Fotografien”, denn mit Lichtmalerei hat das Ganze nicht mehr viel zu tun - erstellen, als es die allermeisten analogen Verfahren es je gekonnt hätten.
Doch damit geht wie im restlichen Web 2.0 die Langsamkeit verloren.
Hunderte von Instagram-Fotos landen so jeden Monat beispielsweise auf meinem Facebook-Stream. Leute, das ist doch keine Fotografie, oder?

Die Amateure
Die Gruppe, in der ich mich ansiedeln möchte, sind die Amateurfotografen. Ich bekomme größtenteils kein Geld für meine Arbeiten und fertige das Meiste für private Zwecke an - ein Hobby eben.
Amateure beschäftigen sich mit der Kamera, kennen fast jede Funktion und wissen auch, was ein gutes Foto ausmacht, jedenfalls größtenteils. Sie sind in Fotocommunities und Foren aktiv (und schreiben Blogs) und fachsimpeln gerne über die Fotografie. Viele laufen jeder neuen Kamera und jedem neuen (teuren) Objektiv hinterher.
Leider vergessen viele dabei einen entscheidenden Grundsatz: Der Fotograf macht das Foto und nicht die Kamera.
Dieses fehlende “Werkzeugdenken” halte ich für typisch für “Foto-Enthusiasten”.


Die Profis
Die meisten Profis sehen, so glaube ich jedenfalls, ihre Kamera(s) als Werkzeug(e) um bestmöglich an ihre Bilder für Auftragsarbeiten zu kommen. Klar gibt es auch Profis, die den Sammlerwahn inne haben und eben auch in Fotocommunities aktiv sind, und diese tragen nicht unerheblich zum Bestand der Communities bei, doch wissen diese meistens, dass man nicht unbedingt die allerneueste und beste Kamera braucht, die der Markt zu bieten hat.
Eine kleine Anekdote dazu:
Vor einiger Zeit fotografierte ich für unsere Schülerzeitung eine Sportveranstaltung. Dabei machte ich die Bekanntschaft mit einem Fotografen für eine regionale Onlinezeitung. Dieser kam mit einer Canon G3 und einer Canon G5 an. Für alle, die diese Kameras nicht kennen: Das sind beides (sehr gute) Kompaktkameras mit drei bzw. fünf Megapixeln, die vor fast zehn Jahren neu waren. Zu mir meinte er, er habe seine große Spiegelreflex daheim gelassen, da er bei diesem guten Wetter - es war ziemlich heiß und sonnig - nur abmühen müsse, aber die zwei kleinen Canons mehr als genug Bildqualität liefern würden, die er für die Onlinezeitung brauche.
Allerdings hatte er noch einen großen (ausgeschalteten) Systemblitz auf der G5. “Damit man sieht, dass ich Fotograf bin”, sagte er.


Fazit
Ich habe nichts gegen Bilder, die nach meiner Definition eigentlich keine Fotografien sind, man sollte dann doch aber bitte die Betitelung “Fotografie” seinlassen.
Nur wird meiner Meinung nach das Handwerk “Fotografie” durch die Lifestyle-DSLR-Besitzer und Instagram-Nutzer zu etwas sehr einfachem degradiert, was der Sache nicht wirklich gerecht wird. Den professionellen Hochzeitsfotografen auf einer Stufe mit dem Instagram-Frühstücksknipser zu sehen, sagt mir persönlich einfach nicht zu.
Fotografie ist für mich etwas bewusstes, etwas, das irgendwo zwischen dem Amateur und dem Profi liegt.
Fotografie kann man lernen, es gibt Talent zum fotografieren, aber was viel wichtiger ist: Es gibt auch kein Talent zum fotografieren.
Aber Kunst liegt zum Glück im Auge des Betrachters.
Und Hand aufs Herz: Ohne die ganzen Leute mit DSLRs wäre die Fotografie für Profis und gerade für Amateure wie mich kaum bezahlbar.
Erst die Massen an Einsteigerkameras machen die Technologien günstig.
Bei E-Gitarren ist das übrigens nicht unähnlich: “Der Sound kommt (auch) aus den Fingern”

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